Nacht, Mutter

Schauspiel von Marsha Norman

Heute ist der Abend, an dem sich Jessie umbringen wird. Sie wohnt mit ihrer Mutter Thelma zusammen und eröffnet dieser zu Beginn des Stückes in fast nebensächlichem Tonfall ihr Vorhaben.

Thelma hält dies zunächst für einen schlechten Scherz, erkennt dann aber bald, wie ernst das Vorhaben ihrer Tochter ist. Sie reagiert mit Wut, Verzweiflung und Sarkasmus, sie bittet, droht und fleht.
Nach und nach stellt sich heraus, dass Jessie ihren Selbstmord lange und bis ins Detail geplant hat. Beide stellen sich nun ihrer Vergangenheit, erörtern vergangene Konflikte und ziehen ein Fazit ihres bisherigen Lebens.

Nacht, Mutter

befasst sich mit den „Tabuthemen” Krankheit und Tod.
Wenn ein uns nahestehender Mensch freiwillig aus dem Leben scheidet, fragen wir fassungslos nach dem WARUM. Waren es Krankheit, Einsamkeit, Geldnöte oder Beziehungsprobleme, die den Verzweifelten zu diesem letzten aller Auswege getrieben haben? Und wir fühlen uns nicht selten schuldig: Warum hab ich nichts von seinen Absichten gemerkt? Hätte ich vielleicht diesen Selbstmord verhindern können? Die Fragen bleiben freilich meist unbeantwortet – der sie beantworten hätte können, hat uns mit ihnen ratlos zurückgelassen.

Wir trösten uns möglicherweise mit der gängigen Behauptung, dass diejenigen, die ihren Suizid ankündigen, ihn ohnehin nicht wahrmachen. In diesen Fällen geht es um einen Hilferuf. Aber ist es wirklich so?
Fest steht, dass man für die Planung und erst recht für die Durchführung eines Suizids eine unglaubliche mentale Stärke braucht. Warum aber konnte oder wollte der lebensmüde Mitmensch diese Kraft nicht fürs Weiter-Leben einsetzen? Und was können wir tun – wie sollen wir reagieren – wenn uns jemand den unmittelbar bevorstehenden Selbstmord ankündigt und von seinem Vorhaben absolut nicht abzubringen ist?

Wir können ja schon mit dem Phänomen des natürlichen Todes kaum umgehen, mit Selbstmord sind wir völlig überfordert.

Auch mit so manchen Krankheiten haben wir allergrößte Probleme. Eine Krankheit, die sich rasch ausbreitet, wie zum Beispiel Ebola oder Vogelgrippe, kann weltweit Panikreaktionen auslösen. Krankheiten, deren Ursachen nicht erklärbar oder kaum erforscht sind, führen nicht selten dazu, dass Betroffene isoliert, ausgegrenzt und stigmatisiert werden – meist aus Angst vor einer möglichen Ansteckung. Menschen, denen man ihre Krankheit nicht ansieht, neigen daher oftmals dazu, ihre Krankheit zu verschweigen, zu verheimlichen. Weil sie sonst fürchten müssten, gemieden zu werden, vom sozialen Leben und aus der Arbeitswelt ausgeschlossen zu sein. Die Notwendigkeit, den Anschein zu wahren, Gesundheit vorzutäuschen ist aber eine unglaubliche psychische und physische Belastung. Unsre Gesellschaft verlangt, dass wir „funktionieren”, keine Schwächen zeigen, die Kontrolle über Geist und Körper behalten. So werden Depressionen, Epilepsie und ähnliche Krankheiten bis zum Zusammenbruch negiert und geheim gehalten.

Mit Krankheit und Tod werden in unserer westlichen Leistungsgesellschaft, in der Wachstum und Profit die Gradmesser für Glück und Erfolg sind, Geschäfte gemacht. Ansonsten schwindeln wir uns lieber an diesen unangenehmen Themen vorbei – bis sie uns selbst betreffen.

Peter W. Hochegger

Jessie Cates
Andrea Nitsche
Thelma Cates, Jessies Mutter
Franziska Wohlmann
Inszenierung
Peter W. Hochegger
Bühne
Werner Wurm
Technik
Christian Pröglhöf